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    Ein Feld des Laufener Landweizen in der Blüte - ANL Laufen
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    Matthias Kreuzeder, Biobauer aus Freilassing - ANL Laufen
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    Manfred Eisl, Biolandwirt aus Obereching (Österreich) - ANL Laufen
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    Familie Schmiderer aus St. Martin bei Lofer (Oberösterreich) - ANL Laufen
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    Brotvariationen aus Laufener Landweizen - ANL Laufen
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    EIn Workshop der Gemeinschaft bei der ANL Laufen - ANL Laufen
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    Ähren des Laufener Landweizens in der Nahansicht - ANL Laufen
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    Getreidesortierung in der Surmühle, Teisendorf - Monika Grassl
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    Laufener Landweizen in Freilassing Eham - Monika Grassl
  • Laufener Landweizen - Imagefilm - Sven Jansel, Ilja Bayerl, Margarita Kwich
  • 2017
    2018

Der Anbau von Laufener Landweizen im Rupertiwinkel und Salzburger Land

Der Laufener Landweizen (LLW) ist eine alte regionale Getreidesorte, deren Anbau im ehemaligen Herkunftsgebiet wiederaufgenommen wurde. Aktuell bauen über 30 Biobauern in der Region diese alte Sorte wieder an, die allesamt eine eigene Art der Landwirtschaft für sich gefunden haben: Auf ihren Höfen werden mitunter andere alte Sorten angebaut, bedrohte Nutztiere gehalten, Bruderhähne aufgezogen, der Boden ohne Pflug bearbeitet, Biotope auf den Weideflächen angelegt oder sich an einer Gemeinwohlbilanz orientiert. Das heutige Anbaugebiet entspricht weitgehend dem ehemaligen Herkunftsgebiet rund um die Stadt Laufen und umfasst den bayerischen Rupertiwinkel sowie Teile des Salzburger Voralpenlands und Oberösterreichs.
Die Felder des Laufener Landweizen sind durch sein fast bis zu zwei Meter hohen Wuchs, die langen Grannen und die vor der Reife eintretende gold-bronzene Färbung mit rötlichen und sogar als violett beschriebenen Tönen leicht zu erkennen. Durch den ökologischen Landbau entwickeln sich in den Weizenfeldern spezielle Begleitkräuter wie die Kornrade, die in einem konventionellen Feld nicht mehr vorkommen. Ein teilweise niedrigere Aussaatdichte und der hohe Wuchs fördern diesen Aspekt. Außerdem bieten die Felder einen Lebensraum für Begleitfauna wie Regenwürmer, Insekten, Kiebitz, Wiesel und Rebhuhn. Einer der Interviewpartner beschreibt den Eindruck dieser Artenvielfalt als die „Sinnesfülle, die zu einem geglückten Leben führen kann.“ Laut den interviewten Landwirten, die bereits verschiedene alte Sorten ausprobiert haben, ist der Laufener Landweizen bestens an die lokalen Bedingungen wie Bodenbeschaffenheit und Klima angepasst: er ist auf ihren Feldern bereits bei der ersten Aussaat gut gewachsen und in den Folgejahren noch besser.
Die ganze Wertschöpfungskette des Laufener Landweizens befindet sich in der Region: Angefangen wird diese vom Anbau und der ersten Verarbeitungsstufe: Der Reinigung, Saatgutaufbereitung und Mehlerzeugung in den regionalen Mühlen. Auf der zweiten Verarbeitungsstufe stehen Bäcker, Brauer, Restaurants und weitere Verarbeiter, die spezielle Produkte aus dem Weizen fertigen. Auch für die beiden Verarbeitungsstufen fällt mit der Aufnahme dieser Sorte in ihr Sortiment zusätzliche Arbeit an: Die Mühle muss das Saatgut möglichst schnell nach dem Dreschen von anderen Pflanzenresten und Samen trennen und die Bäcker müssen experimentieren, wie man mit dem Mehl umgeht und für welches Gebäck die speziellen Backeigenschaften geeignet sind. Diesem Angebot gegenüber stehen auch immer mehr lokale Verbraucher die bereit sind, für die Qualität und regionale Herkunft der Produkte einen Aufpreis in Kauf zu nehmen. Das überduchschnittlich viele Stroh des Weizens wird von den Landwirten, im Biolandbau üblich, meist als Einstreu oder als Raufaserzusatz für das Futter verwendet. Nach Aussage aller Interviewten macht die Vermarktung der Produkte nur im regionalen Kontext Sinn: „Hier bin ich daheim, und ich finde, dass die regionalen Produkte, die hier produziert werden, auch hier verkauft werden sollen.“ Auch die direkte Verbindung zwischen Landschaft und Produkt wird dabei kommuniziert: Beispielsweise hat einer der Landwirte ein großes Schild im Feld positioniert, auf dem der verarbeitende Bäcker beworben wird. Die regionale Vermarktung bedeutet für die Landwirte auch, dass sich mehr einbringen können und nicht nur anonyme Produzenten sind, die an den Großhandel vertreiben und für den Verbraucher unsichtbar bleiben. Sie machen sich unabhängig von den großen Saatgutproduzenten und deren verfügbaren Hybridsorten und Genmanipulation, die zu einer zunehmenden Abhängigkeit der Landwirte führt. Die Landwirte grenzen sich ab vom Weizen als „hochgezüchtetem Massenprodukt, das für die Menschen nicht mehr verträglich ist“ – und sehen den Anbau der alten, regionalen Sorte als Chance „dem Weizen die Würde wiederzugeben“. Laut Aussage der Interviewten bekommen sie dafür viel positive Rückmeldung von der lokalen Bevölkerung, die als Verbraucher in der Verbundenheit mit der Region einen Mehrwert erkennen und die Produkte als bekömmlicher als reguläre Weizenprodukte beschreiben. Der Laufener Landweizen ist zu einem Gesprächsthema in der Region geworden und lässt sich für die weiterverarbeitenden Unternehmen gut vermarkten. Die Landwirte berichten, dass aufgrund der gestiegenen Nachfrage die geringen Erträge allmählich über den Preis ausgeglichen werden können. 

HISTORISCH-KRITISCHE ANMERKUNGEN

Anfänglich nutzen nur wenige idealistische Landwirte den Landweizen, aufgrund geringer Erträge und anfänglich mangelnden Interesses der Abnehmer. So endete das Korn zunächst meist als Tierfutter. Der Anbau einer weiteren Frucht in sehr geringen Mengen - denn viel Saatgut war nicht vorhanden - bedeutete viel zusätzliche Arbeit für die Landwirte. Dafür hatte der Anbau den Anreiz, zur Erhaltung einer bedrohten Sorte beizutragen und mit ihr das „klassische Kornfeld“ wiederzubeleben.
Das vermutliche Herkunftsgebiet des Laufener Landweizens umfasst das Salzburger Alpenvorland und den bayerischen Rupertiwinkel, die aufgrund der guten Verwitterungsböden auf der Salzachgletscher Grundmoräne und günstiger klimatischer Verhältnisse schon seit der jüngeren Steinzeit (5000 – 1800 v. Chr.) für den Getreideanbau genutzt wurden. Durch archäologische Pollenfunde in den Mooren konnte die Kultivierung des Weizens in dieser Region über die Jahrtausende durch die Kelten, Römer und Bajuwaren dokumentiert werden. Die lokale Landsorte entstand durch Anpassung an die wechselnden klimatischen Bedingungen, den Boden sowie die spezielle Art des Anbaus und der Nutzung durch bäuerliche Auslese und den Austausch von Saatgut zwischen den Regionen. Diese Vorgehensweise endete im frühen 19. Jahrhundert durch die planmäßige Getreidezüchtung. Durch die aus systematischer Kreuzung entstandenen, ertragreicheren Sorten, wurden die lokalen Landsorten allmählich verdrängt. Die erste Nennung des Laufener Landweizen findet sich erst 1976 in einem Datenblatt der Genbank Gatersleben, außerdem konnte der Anbau im Schaugarten von Josef Stauderer ab Ende der 1970er Jahre und in einem Schaugarten des Bauernhausmuseums Amerang ab 1981 bestätigt werden. Die Ernährungswissenschaftlerin Margarita Kwich kommt durch Recherche in Literatur und Aufzeichnungen der Ämter und Zuchtbetriebe, Interviews von Getreideexperten sowie die Analyse des Farinogramms und der Inhaltsstoffe zu dem Schluss:  Alle Ergebnisse deuten darauf hin, „dass der Laufener Landweizen derzeit die einzig erhaltene „unverzüchtete“ alte Landsorte der Region ist.“
Während einzelne Landwirte in der Region den Landweizen bereits seit den 1980er Jahren mit Saatgut der Landesanstalt für Landwirtschaft Freising wiederaufgenommen haben, begann die systematische Rekultivierung 1995 durch den Landschaftsplaner und Landschaftsökologen Heinz Marschalek, der ausgehend von 40 Saatkörnern aus der Genbank Braunschweig bis 2007 ca. acht Zentner Saatgut vermehrte, das anschließend von der Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege an interessierte Bio-Landwirte in der Region für einen erweiterten Anbau verteilt wurde. 

LERNEN UND WEITERGABE

Auch wenn die Anbauer versierte Landwirte sind, mussten sie bei Beginn des Anbaus der Sorte erst Erfahrung sammeln. Ein interviewter Landwirt berichtet, dass man den Laufener Landweizen beispielsweise dünn sähen muss, weil er durch das lange Stroh leicht umfällt und länger braucht um zu trocknen, wenn es ihn „geworfen“ hat. Innerhalb der Gemeinschaft findet neben der Weitergabe von Saatgut ein reger Austausch über Anbau und Vermarktung statt. Die Landwirte erhalten außerdem regelmäßig Besuch von Schulklassen und Landwirtschaftsschülern für Feldbegehungen. 

GEMEINSCHAFT

Die Anbauer und Verarbeiter des Laufener Landweizens betrachten sich selbst als „eingeschworene Gemeinschaft, die sich immer wieder trifft.“ Die Zusammenarbeit aller Beteiligten ist essentiell, da erst ab einer kritischen Menge eine Wertschöpfungskette gebildet werden kann. Durch die Bündelung des Engagements der Landwirte konnten gemeinsam Mühlen und Abnehmer gefunden werden, die den Aufwand auf sich nahmen den Laufener Landweizen zu verarbeiten. Die Treffen werden bisher von der ANL Laufen als sog. „Runde Tische“ organsiert, um einen Austausch über den Anbau und die Bildung eines Netzwerks der Anbauer untereinander und mit Verarbeitern zu ermöglichen. Sowohl die Landwirte als auch die Verarbeiter fühlen sich der Region sehr verbunden, sowie „den Traditionen, Wetter, Klima und Leuten“. Die Höfe sind oft schon mehrere hundert Jahre in Familienbesitz. Sie identifizieren sich mit ihrer Tätigkeit und empfinden Freude an der Herausforderung, eine besondere Sorte anzubauen und damit das Landschaftsbild zu gestalten.
Obwohl die Gemeinschaft sehr offen für Neuzugänge ist, würden die Landwirte nur ungern Saatgut an Bauern aus anderen Regionen weitergeben, da dies in ihren Augen zu einer Verwässerung des regionalen Konzepts führen würde. Auch in der Bevölkerung entwickelt sich zusehends Wertschätzung und Anerkennung für die regionale Sorte und ihre Anbauer.

FÖRDERMASSNAHMEN

Neben der Erstellung des grenzüberschreitenden Netzwerks und der Organisation von runden Tischen, war der Laufener Landweizen Teil des Interreg-Projekts „Wild und kultiviert. Regionale Vielfalt säen.“ und steht im Mittelpunkt des aus Interreg und EU-Regio Mitteln finanzierten Projekts „Laufener Landweizen – Entwicklung eines Markenkerns“ der Projektpartner ANL Laufen, Bio Austria und Biosphärenregion Berchtesgadener Land. 

SCHUTZMASSNAHMEN

Durch die Zusammenarbeit der Ernährungswissenschaftlerin Margarita Kwich, dem Landwirt Manfred Eisl und dem Landschaftsplaner und Landschaftsökologen Heinz Marschalek wurde dem Laufener Landweizen der rechtliche Status „Erhaltungssorte“ zugesprochen und in die „Rote Liste der gefährdeten, heimischen Nutzpflanzen in Deutschland“, die „Slow Food Arche des Geschmacks“, und die Kulturpflanzen-Samenbank „Arche Noah Östereich“ aufgenommen. 

Weitere Informationen

Internet-seiten

Bibliographie

  • Kwich Margarita
    Herkunft und Identität des Laufener Landweizens
    ANL Laufen 2017
  • Kwich Margarita
    Der Laufener Landweizen, Synthese eines Markenkerns
    ANL Laufen 2017
  • Freilinger Leonie, Adelmann Wolfram
    Die Ackerwildkrautflora des Laufener Landweizens im Vergleich zu Wintergetreiden im konventionellen und im biologischen Anbau
    ANL Laufen 2017

Autor der Karteikarte

Munich University of Applied Sciences - - Florian Ortanderl

Wissenschaftlicher Leiter

Prof. Dr. Thomas Bausch

Veröffentlichungsdatum

14-AUG-2018

Letzte Aktualisierung

17-SEP-2018 (Agostina Lavagnino)




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