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    Erba iva - Luca Ciabarri
  • 2011
    2012
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Kategorie

Umgang Mit der Natur

TAG

WO

Chiavenna (SO), Lombardia - Italien

WANN

Sommer

WER

Azzetti Andrea Azzetti Andrea
(informatore)
Balatti Claudia Balatti Claudia
(informatore)
Del Curto Maurilio Del Curto Maurilio
(informatore)
Masolini Luciano Masolini Luciano
(informatore)
Pilatti Zita Pilatti Zita
(informatore)

Sammeln und Verwenden der Moschus-Schafgarbe/Erba Iva in der Valchiavenna

(Iva, Erba iva)

Wissenschaftliche Bezeichnung: Achillea Moschata Wulfen;
Örtliche/Dialektale Bezeichnung: Erba Iva, Iva;
Vorkommen: in hohen Weiden weit verbreitet;
Verwendung: oberirdische Teile für Kräutertees, Liköre und Aromatisierung von Grappa; verdauungsfördernde Wirkung;
Geschützten Art; Häufigkeit der Sammlung: mittelhoch. Häufigkeit der Nutzung: hoch.
Die Moschus-Schafgarbe (Achillea Moschata Wulfen), örtlich Erba Iva genannt, wird für die Zubereitung von Kräutertees, Liköre und Magenbitter und zur Aromatisierung von Grappa geerntet. Im Gebiet ist sie für ihre stark verdauungsfördernde Wirkung und aromatische Eigenschaften bekannt. Die wissenschaftliche Literatur bestätigt die anregende Wirkung auf die Säftesekretion des Verdauungstraktes. Gesammelt und genutzt wird die Blume. Die Pflanze wächst auf hohen Alpenweisen und blüht in den Sommermonaten zu unterschiedlichen Zeiten in Abhängigkeit von der Höhenlage. In der Vergangenheit intensiv gesammelt, ist die Nutzung nun durch Regionalgesetze streng geregelt. Bis in die jüngere Vergangenheit wurde die Pflanze in größeren Mengen vertrieben. Für die auf den Weiden lebenden Familien waren Sammlung und Verkauf ähnlich wie bei anderen vertriebenen Pflanzen wie Arnika, Wildthymian, Blaubeeren eine zusätzliche Einnahmenquelle.
Blumen und Spitzen werden im Schatten getrocknet und konserviert, um stark verdauungsfördernde Kräutertees zuzubereiten. In der Regel wird Grappa mit dem Frischprodukt aromatisiert, während man für die Zubereitung von Magenbittern und Likören sowohl die frische als auch die getrocknete Pflanze verwendet. Die der Pflanze zugeschriebenen positiven Eigenschaften sorgen für ein vielseitiges Anwendungsspektrum: In bestimmten Fällen wird sie zum Würzen von Grillfleisch verwendet, in anderen wird sie von Bergwanderern gekaut.

HISTORISCH-KRITISCHE ANMERKUNGEN

Bis in die Siebziger Jahre sammelte man üblicherweise Erba Iva in den Weiden, um sie bei Saisonende an Händler oder Vertreter der lokalen Verarbeitungsindustrie zu verkaufen (insbesondere zur Herstellung des Likörs Braulio in Bormio im hohen Veltlin), welche die Lose des getrockneten Krauts vor Ort erwarben. Für viele Familien war die Sammlung eine wichtige zusätzliche Geldquelle, die, beispielsweise zusammen mit der Sammlung und dem Verkauf von Blaubeeren, das karge Einkommen ergänzte. In anderen Fällen, z.B. für Familien, die Anrecht auf großflächige Weiden hatten, ermöglichte die Sammlung großer Mengen gute Erträge. Normalerweise fand die Sammlung zu Sommerbeginn statt, bevor man das Vieh auf die Weide brachte, und wurde bei fortgeschrittener Saison in den höher gelegenen Weiden fortgesetzt. Die Sammlung war durch Beziehungen und Vereinbarungen zwischen den Dorfältesten und den wichtigsten Weidenbesitzern geregelt (Bestimmung des Sammelortes und der Sammelzeit, Zeitpunkt, in dem das Vieh auf die Alm getrieben wird). Sie bedingte jedoch auch lange Expeditionen, weil die Sammelorte häufig auch mehrere Wandertage entfernt lagen. Die älteren schickten die jüngeren Familienmitglieder auch zum Sammeln und brachten ihnen bei, welche Arten gesammelt und wie die Pflanze dabei geschont werden musste. Diese Expeditionen konnten einen ganzen Tag oder mehrere Tage in Anspruch nehmen. Dabei wurden auch längere Strecken zurückgelegt und ein einigen Fällen überschritt man sogar die Schweizer Grenze auf der Suche nach Gebieten mit größeren Vorkommen an Schafgarbe.

LERNEN UND WEITERGABE

Das Wissen um das Sammeln und die Verwendung von Spontanpflanzen wird auf unterschiedliche Weise erlernt und weitergeleitet. In der Regel zirkulieren diese Kenntnisse im Familien- und Freundeskreis, wo sie weitergeleitet und aktualisiert werden, häufig durch direkte Beispiele oder während der Sammel- und Zubereitungstätigkeiten. Wissenschaftliche Texte oder volkstümliche Medizin-/Kochbücher werden aktuell wie in der Vergangenheit vielfach angewendet, um vorhandene Kenntnisse zu prüfen, aktualisieren oder vergleichen bzw. um neue Kenntnisse hinzuzufügen. Sämtliche Befragte bestätigen, dass die Kenntnisse zur Verwendung der Pflanzen im Vergleich zur vorhergehenden Generation sowohl quantitativ (weniger Arten) als auch qualitativ abgenommen haben. Trotz dieses allgemeinen Trends sind jedoch auch Ergänzungen (Informationen zu bekannten Arten) und Aktualisierungen/Anpassungen der Kenntnisse zu verzeichnen.

GEMEINSCHAFT

Es handelt sich hierbei nicht um Kenntnisse, die einzelnen sozialen Gruppen zugeordnet werden können, sondern die ausschließlich mit der Sammlung und Verwendung der Pflanzen und den jeweiligen Lern- und Übertragungsmethoden verbunden sind. Teilweise steht die Verbreitung und Aufwertung der Kenntnisse über die Sammlung und Verwendung der Pflanzen auch mit örtlichen Tourismusakteuren in Verbindung, wie Gastwirten, agrotouristischen Betrieben, touristischen Berghütten. Die Kombination dieses Angebots mit einer touristischen Nachfrage nach örtlichen Produkten, besonderen Geschmackserlebnissen und ökologischer Nachhaltigkeit könnte die Rahmenbedingungen schaffen für den Schutz und Weiterleitung von ernährungsbezogenen Praktiken in Zusammenhang mit Spontankräutern, und somit das Publikum der Inhaber/Anwender der Kenntnisse über Spontanpflanzen erweitern. Auf regionaler und provinzieller Ebene sind die Behörden für den Schutz/die Weiterleitung des Kulturguts verantwortlich, wozu Rechtsakte erlassen, welche das Sammeln der Pflanzen regeln, und entsprechende Maßnahmen zur Information und Verbreitung der Kenntnisse getroffen werden.

FÖRDERMASSNAHMEN

Zum Schutz der Pflanze hat man ab den siebziger Jahren mehrere Maßnahmen auf gesetzlicher und Informationsebene eingeführt. 2012 wurde die Sammlung nach vielen Jahren völlig liberalisiert, mit dem Grund, die Pflanze sei nun weit verbreitet und nicht mehr vom Aussterben bedroht. Es gib jedoch Zeichen, die auf eine Rückkehr zu intensiven Sammelmethoden hindeuten. Die Praktik steht immer noch in Verbindung mit der gewerblichen Nutzung zur Zubereitung von Magenbitter. Wegen der strengen Kontrolle durch die Behörden hat man sich auf lokaler Ebene mit den Sammelmethoden befasst. Wegen des prekären und empfindlichen Gleichgewichts der alpinen Umwelt ist die Sammlung besonders destruktiv, wenn der Sammler nicht nur die Blüte und die Spitze abreißt, sondern die ganze Pflanze samt Wurzeln ausreißt, oder wenn er die beim Abreißen der Blume auch die Wurzeln teilweise vom Boden trennt. Dies kommt häufig vor, wenn die Blumen nicht vollständig gereift sind. In der Vergangenheit waren die wenn auch unvollständigen und gelegentlich ungenauen Kenntnisse über die Sammlung und jene über Fortpflanzung und Schutz der Pflanze nie von der Sammeltätigkeit und den dafür zuständigen Personen gelöst. Die Sammelkenntnisse sollten daher bei jeglicher Reglementierungs- und Aufwertungstätigkeit der Pflanze berücksichtigt werden. Die in der Vergangenheit erteilten Empfehlungen zum Sammelverfahren (die Blume mit zwei Fingern oder beiden Händen ziehen, um die Wurzeln nicht auszureißen) wurden durch die aktuellen Empfehlungen zur Verwendung entsprechender Scheren ersetzt. Die Almwirtschaft und das grasende Vieh förderten das Vorkommen der Pflanze, welche auf einer sauberen Weide frei ohne stärkere und größere Pflanzengattungen optimal wachsen konnte. Der allmähliche Niedergang der Almwirtschaft favorisiert hingegen das Wachstum robusterer und größerer Pflanzen, welche diese Schafgarbenart ersticken.
Neben dem Einsatz bei der Herstellung von Likören und Spirituosen wird das getrocknete Produkt auch verpackt in örtlichen Geschäften verkauft.
Initiativen wie die Neugründung des Giardino Alpino der Valcava tragen zur Verbreitung von Kenntnissen über die Verwendung von Bergpflanzen und über nachhaltige und ordnungsgemäße Sammelmetoden bei, indem Führungen und Veranstaltungen in Verbindung mit der Aufwertung der Verwendung und der kulinarischen Nutzung organisiert werden.

SCHUTZMASSNAHMEN

Geschützt durch regionales Gesetz.

Weitere Informationen

Internet-seiten

Autor der Karteikarte

Università Statale di Milano - Dipartimento di Geografia e Scienze Umane dell'Ambiente - Luca Ciabarri

Veröffentlichungsdatum

21-LUG-2015 (Luca Ciabarri)

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